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Einleitung
//1// Das Thema Das Verhältnis von Theorie und Praxis in der transzendentalen Phänomenologie Edmund Husserls mag zunächst befremden. Man wird fragen: Was hat die transzendentale Phänomenologie mit der Praxis zu tun? Geht nicht ihr ganzes Bestreben darauf, evidente Erkenntnis zu vermitteln, die interesselos zu fassen und in ihrem phänomenologischen Bestand zu beschreiben ist?
Die Praxis ist doch gegenüber diesem Streben nach reiner Theorie etwas der Welt Angehöriges, von dem die Philosophie gerade abgegrenzt werden soll. Sagt Husserl doch selbst: »Die theoretische Einstellung, …, ist ganz und gar unpraktisch. Sie beruht auf einer willentlichen Epoché von aller natürlichen und damit auch höherstufigen, der Natürlichkeit dienenden Praxis«.1 » Transzendentalphilosophie, eine sehr unnütze Kunst, hilft nicht den Meistern dieser Welt, den Politikern, den Ingenieuren, Industriellen
«.2
Nun gibt es aber in den Werken Husserls Sätze, in denen er behauptet, daß die Philosophie die Praxis des menschlichen Lebens verändern würde. In Wiederaufnahme einer Forderung Platons, daß die Philosophen die Welt regieren sollten, erhofft Husserl, daß durch wahre Philosophie eine Humanisierung und Verwandlung unseres ganzen weltlichen Lebens erreicht werden kann.
Husserl sagt in einem Vortrag, den er 1935 vor dem Wiener Kulturbund hielt und der den bezeichnenden Titel: Die Krisis des Europäischen Menschentumsund die Philosophie hat: »Die universale Philosophie mit allen einzelnen Wissenschaften macht zwar eine Teilerscheinung der europäischen Kultur aus. Es liegt aber im Sinn meiner Ganzen Darstellung, daß
1 K 328, 35 2 E 283, 27
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dieser Teil sozusagen das fungierende Gehirn ist, von dessen normalem Funktionieren die echte, gesunde europäische Geistigkeit abhängt. Das Menschentum der höheren Menschlichkeit oder Vernunft erfordert also eine echte //2// Philosophie«.3 Denn »Philosophische Welterkenntnis schafft… eine menschliche Haltung, die alsbald eingreift in das ganze übrige praktische Leben, mit allen seinen Forderungen und Zwecken«.4
Das soll nicht heißen, daß die Philosophie unmittelbar praxisbezogen ist. Dennoch soll sie als reine Philosophie, d. h. unter Absehen von aller Vermengung mit praktischen Fragen, praktisch wirksam sein. »Die in geschlossener Einheitlichkeit und unter Epoché von aller Praxis erwachsende Theoria« soll dazu berufen werden »und in theoretischer Einsicht selbst ihren Beruf« erweisen, »in einer neuen Weise der Menschheit, der in konkretem Dasein zunächst und immer auch natürlich lebenden, zu dienen«.5
In diesem philosophischen Selbstverständnis weiß sich Husserl einig mit seinen großen Vorbildern, insbesondere dem »Doppelgestirn« Sokrates / Platon, und, wie er meint, mit der »Teleologie« der gesamten europäischen Entwicklung. Auch für Sokrates und Platon war die Philosophie für das alltägliche Leben der Menschen bedeutsam. Sokrates stellte das Streben nach Erkenntnis in den Mittelpunkt einer ethischen Praxis,6 und auch Platon wollte »keineswegs bloß Reformator der Wissenschaft« sein. »In seinem letzten Absehen blieb er auch in seinen wissenschaftstheoretischen Bemühungen allzeit Sokratiker, also im universalsten Sinne ethischer Praktiker«.7
Platons Grundüberzeugung war: »Die Emporbildung der Menschheit zur Höhe wahren und echten Menschentums setzt voraus die Entwicklung der echten Wissenschaft in ihrer prinzipiell verwurzelten und verknüpften Totalität. Sie ist die Erkenntnisstätte aller Rationalität; aus ihr schöpfen auch
3 K 338, 7; vgl. a. K 503, 21 4 K 334, 11 5 K 329, 12 6 E I 11 7 E I 14, 22 Einleitung
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die berufenen Führer der Menschheit – die Archonten – die Einsichten, nach denen sie das Gemeinschaftsleben rational ordnen«.8 Für Platon »wird die Philosophie zum rationalen Fundament, zur prinzipiellen Bedingung der Möglichkeit einer echten, wahrhaft vernünftigen //3// Gemeinschaft und ihres wahrhaft vernünftigen Lebens. … Es ist damit der Idee einer neuen Menschheit und Menschheitskultur die Bahn gebrochen, und zwar als einer Menschheit und Kultur aus philosophischer Vernunft«.9 In der Renaissance wird dieser Platonismus erneuert. Der durch Philosophie erreichten theoretischen Autonomie »folgt die praktische«.10 Dabei gilt es, »nicht nur sich selbst ethisch, sondern die ganze menschliche Umwelt, das politische, das soziale Dasein der Menschheit aus freier Vernunft, aus den Einsichten einer universalen Philosophie neu zu gestalten«.11 » Die gesamte Menschheitskultur sollte von wissenschaftlichen Einsichten geführt und durchleuchtet und dadurch zu einer neuen autonomen Kultur reformiert werden«.12
Die von Husserl behauptete Krisis der europäischen Wissenschaften ist zugleich eine Krisis des gesamten praktischen Lebens,13 und die Frage der Heilung dieser Krise entscheidet zugleich, ob Europa in Geistfeindschaft und Barbarei verfällt14 oder nicht. Insofern sieht sich Husserl in der gleichen
8 E I 14, 33 9 E I 16, 24 10 K 6, 2 11 K 6, 5 12 CM 46, 24 13 »Wenn Husserl von einer Zusammenbruchssituation spricht, so ist damit gemeint, daß die Selbstinterpretation und das Selbstverständnis des Menschen in seinem Verhältnis zur Welt und zum Grunde ihres Seins, … , nicht mehr trägt, daß es ihm selbst keinen Leitfaden mehr gibt, um sich in seiner Stellung im Seienden im Ganzen zu verstehen und auf Grund dieses Verstehens die Sicherheit seines Verhaltens zu bewahren. Zusammenbruch dieses Selbstverständnisses bedeutet also nicht nur Zusammenbruch einer theoretischen Ausdeutung der Welt, sondern es bedeutet zugleich Fehlen der praktischen Orientierung in ihr.« Ludwig Landgrebe Husserl und die Gegenwart, in: Phänomenologica, Bd. 2, S. 217
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Situation wie das »Doppelgestirn« Sokrates / Platon. Es geht ihm nicht nur um die Rettung der Wissenschaften, sondern um das gesamte »handelnde Leben«.15 Es ist damit gezeigt, daß die Praxis durchaus nicht außerhalb Husserls Fragehorizontes lag. Von einer philosophischen Erneuerung der Menschheit, oder //4// in engerem Sinne Europas, sollten Auswirkungen auf das gesamte praktische Leben ausgehen.16 Ist so die Wandlung auch der Praxis als Endziel der philosophischen Bemühungen Husserls gezeigt worden, so erlaubt uns die Herausarbeitung dieses Endzieles auch die Voraussetzung seines Philosophierens anders als in der üblichen Husserl-Diskussion zu fassen.
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A. Warum ist Edmund Husserl ein Handlungsphilosoph? Christine Spahn leitet ihre Abhandlung Phänomenologische Handlungstheorie mit den Worten ein: »Husserl gilt gemeinhin als der Begründer einer reinen Logik, die mit dem Erscheinen der Logischen Untersuchungen 1900/ 01 ihren Ausgangspunkt nahm. Diese ›Versuche zur Neubegründung der reinen Logik und Erkenntnistheorie‹1 sind entstanden aus Husserls Einsicht, ›daß die Logik unserer Zeit an die aktuelle Wissenschaft nicht hinanreiche, welche aufzuklären sie doch berufen ist«.2 Das phänomenologische Bestreben ist, eine »›Philosophie als strenge Wissenschaft‹ radikal zu begründen durch Rückgang auf die letzten Voraussetzungen der Wissenschaft 3«.4
Spahn bemerkt dazu: »Jene erkenntnistheoretische Sicht von Husserls Veröffentlichungen ist sicherlich einseitig und haftet zu sehr an seiner neukantianisch inspirierten Terminologie, wie sich spätestens seit den Erscheinungen der Vorlesungen über Ethik Wertlehre (1908–1914) im Jahre 1988 belegen läßt«.5 Sie zeigt jedoch Verständnis für diese Charakterisierung der Husserlschen Phänomenologie, wenn sie schreibt: »Man muß jedoch den Umstand berücksichtigen, daß die Bände XIII-XV der HUA erst 1970 erschienen«.6 und: »Die 1923/ 24 verfaßten Kaizo-Aufsätze über ›Erneuerung des Menschen und der Kultur‹ sind erst seit ihrer Veröffentlichung 1989 in der Husserliana-Edition7 einem breiteren Publikum bekannt
1 HUA XVIII und Husserl: Prolegomena zu reinen Logik 1980, S. VII. 2 Ebd., S. V. 3 HUA XXV, S. 3–62. 4 Spahn, Christine: Phänomenologische Handlungstheorie, Edmund Husserls Untersuchungen zur Ethik, a.O., S. 13. 5 Ebd., S. 13. 6 Ebd., S. 158, Fn. 7 HUA XXVII.
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geworden«.8 Zwar, wie Spahn schreibt: »Der Begriff Handlung wird von Husserl selbst nicht häufig verwendet und spielte auch in der Sekundärliteratur bislang eine eher untergeordnete Bedeutung« 9 Sie vertritt aber mit mir die Auffassung, »daß Husserl den Handlungsbegriff aus der Intentionalität in der Dreigliederung Akt, Vollzug, Ergebnis entwickelt. Handlung ist aber stets mit dem Willen der agierenden Person verbunden; beide Teilkomponenten der Intentionalität stehen in einem engen gedanklichen Zusammenhang «.10
8 HUA XV, S. 631f. zit. nach: Spahn, S. 178. 9 Die erwähnten Abhandlungen zur Intersubjektivitätsproblematik stellen den Begriff der phänomenologischen Handlung nicht in den Mittelpunkt der Analyse. 10 Spahn, S. 231. 11 Roth: Edmund Husserls ethische Untersuchungen. Dargestellt anhand seiner Vorlesungsmanuskripte. Den Haag 1960, (Phänomenologica 7). Nachtrag: Edmund Husserl als Handlungsphilosoph
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